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Christl Greller

Autorenvorstellung

 
 

Textauszug aus dem Roman "Nachtvogeltage"

Buchdeckel von Nachtvogeltage

Textauszug aus dem Roman
Nachtvogeltage

(erschienen 2002 bei edition roetzer, Eisenstadt)

Sein außerordentliches Gedächtnis oder vielmehr seine instinktmäßige Vertrautheit mit dieser frühesten Lebensphase brachte noch viel Tieferes zutage. Da waren Ausschnitte, nicht durchgehendes Erinnern, aber einzelne Bilder, in denen er ganz genau sich selbst im Kinderwagen wiedererlebte.

      Er befand sich in Kniehöhe der Erwachsenen, die ihre turmhohen, perspektivisch verzerrten Gestalten zu ihm herunterbeugten, ihre riesigen Gesichter vor ihn hinhaltend. Er betrachtete sie aus dem Rechteck des Kinderwagens heraus, in dem er mit diffusem Wohlgefühl lag. Einen Schnuller verweigerte er. Der schmeckte nach Gummi, kein Vergleich mit der Brust seiner Mutter, die roch und schmeckte angenehm nach Nahrung.
      Für zwischendurch bevorzugte er den Zipfel seines Polsters. Er bot zwar keine Nahrung, das war ihm sehr bald klar, aber er schmeckte wenigstens nach ihm selbst und verlieh eine gewisse Beruhigung. So war Felix ganz zufrieden. Der einzige Nachteil war, daß er sich weder rühren noch verständlich machen konnte, denn er begriff durchaus, was gesprochen wurde.
      Das mit der Verständigung traf ihn härter als die eingeschränkte Beweglichkeit, denn im Grunde fühlte er sich wohl in seinem engen Gefährt, das er erst viel später auf alten Fotos kennenlernte: ein tiefer Korbkinderwagen mit kleinen Rädern und geschwungenem Eisengriff, alles elfenbeinfarben lackiert. Aber daß sein Eingehen auf die Gespräche, auf die in erhöhtem Tonfall an ihn gerichteten überaus kindischen Fragen, als "herzige Geräusche" belächelt wurde, ärgerte ihn, besonders ab seinem vierten Lebensmonat, wo er sich mehr mit seiner Umwelt zu beschäftigen begann. Doch er lernte es hinnehmen, weil er sah, daß die Erwachsenen nicht anders konnten. Später, als er selber zu sprechen begann, vergaß er diese Vorfälle mehr und mehr.

      Die Jahre der Kindheit - sie waren überreich an Tagen und Wochen. Zeit war im Überfluß. Es dauerte Ewigkeiten von Geburtstag bis Geburtstag, weshalb man stolz war, wenn beim Alter ein Jahr dazugezählt werden konnte. Und Weihnachten wurde es wirklich nur alle Heiligen Zeiten einmal, von einem zum anderen Mal kaum zu erwarten.
      Und dann, wenn man älter war, die Erfahrung: Alles ging langsamer, nur der Lebens-Lauf lief immer schneller. Die Perspektiven änderten sich, und sie würden sich auch weiter ändern. Das Jahr zerrann unter den Fingern, schon war wieder Oktober, der Himmel hellblau und weit, so weit wie nie sonst im Jahr.
      Vielleicht lag es daran, daß man nun mehr von ihm sah. Die riesigen Zitterpappeln entlang der Alten Donau, wo Felix und Margot und vor ihnen Matti mit Inge spazieren gingen, verloren täglich mehr von ihren kleinen, herbstgoldenen Blättern. Wenn man in ihre Kronen blickte, die ohne Ehrfurcht in den Himmel griffen, konnte man leicht schwindlig werden, überhaupt, wenn man dabei weiterging. Und währenddessen schwebten die kleinen Blätter herab wie Sterntaler, fielen auf die Spaziergänger und auf das Wasser, durch das ein Schwan keilförmig seine Spur zog.

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Die wienMONATSgedichte von CHRISTL GRELLER sind Ausgangspunkt der Schöpfpapiermasken von YOLY Maurer. Die vielfältigen Gesichter von Wien, seine Jahreszeiten, Bewohner, Plätze, werden zu dem einen Gesicht der Stadt, mit dem sie nach außen auftritt. CHRISTL GRELLER spiegelt in ihren Gedichten diese Facetten in kritischer Liebe wider. Näheres...
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Im Laufe ihrer Karriere als Schriftstellerin wurde die Arbeit von Christl Greller mehrfach anerkannt. Näheres...

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